Berichte
Unbekanntes Revier
Der Chiemsee, auch das bayerische Meer genannt, ähnelt der Mecklenburgischen Seenplatte: Viel, sehr viel Wasser und durch einen sehr dichten Schilfgürtel kaum erreichbar. Im Gegensatz zu Meck-Pomm wird der Chiemsee jedoch durch relativ schnell fließende Salmonidengewässer gespeist, wie z.B. die Tiroler Ache oder die Prien, und auch sein Abfluss, die Alz, ist ein schnell fließender Fluss. Das übrige Gebiet rund um den Chiemsee ist aufgrund der eiszeitlichen Entstehungsgeschichte durch sehr viele Seen unterschiedlicher Größe geprägt. Nach zwei Besuchen, bei denen ich nur die Landschaft bewundern konnte, aber keine Zeit zum Fischen eingeplant war, beschloss ich beim dritten Besuch Tackle mitzunehmen. Doch wo sollte ich Fischen? Eine erste Recherche über das Internet brachte Ernüchterung: In Bayern ist das Nachtangeln verboten. Viele Gewässer befinden sich in Privat- oder Vereinsbesitz. Und der Chiemsee selbst? Nur vom Boot aus, Echolot verboten und bei dieser Wasserfläche würde es sehr lange dauern, die Fische zu finden. Also Umdenken! Kleine Pools, Baggerlöcher, Altarme und eventuell einer der Flüsse. Nach mehreren Tagen war klar, welche Gewässer ich mir anschauen werde: Ein Baggerfeld, einen Altarm und einen See. Ende September war es soweit. Das Tackle wurde auf ein Minimum reduziert: Zelt, Stuhl, Ruten, Banksticks und ein wenig Kleinkram den man so braucht. Dazu gesellten sie meine Spinnrute, Kunstköder, eine leichte 1.75lb Rute, die ich schon seit ewigen Zeiten besitze und ein paar Kilo sehr hochwertige Boilies.
Überraschungen
Im Chiemgau angekommen fuhren meine Freundin und ich am zweiten Tag die besagten Gewässer an. Schnell stand fest, dass die Wahl auf den Altarm fallen wird. Ein relativ kleines Gewässer mit gutem Bestand an Karpfen und Schleien. Zurück zu Hause wartete eine Überraschung: Für die kommende Woche war nun ein Tag an besagtem Altarm fest eingeplant, aber ein glücklicher Zufall wollte es, dass ich zwei Tage „frei“ bekam. Diese Zeit sollte natürlich so effektiv wie möglich genutzt werden!
Der Altarm
gegen 10 Uhr
am Wasser. Bevor ich jedoch aufbaue, gehe
ich gerne noch mal nachschauen, ob es
irgendwelche Dinge gibt, die gegen die
Wahl des Platzes oder ähnliches sprechen. Alles war gut, ich setzte schnell einen Marker und baute auf. Links neben meiner Kiesbank war ein kleines Krautfeld, die Bank selbst völlig frei. Eine Rute mit Chod-Rig ins Kraut, die andere mit Method-Blei und Kunstmais auf die Schräge der Kiesbank. Beide Rigs wurden mit 10 Boilies in PVA bestückt. Um 13 Uhr lief die Krautrute ab. Ein 14pfündiger Spiegler lieferte einen kurzen Kampf, bei dem ich jedoch Sieger blieb. Im Laufe des Nachmittags gesellte sich noch ein Brassen dazu, dessen eindeutiger Fallbiss ihn schon anfänglich verraten hatte. Gegen 17 Uhr zogen Wolken auf und es begann zu regnen. Ein Wetterumschwung ließ das Thermometer in atemberaubender Geschwindigkeit fallen. Solche Temperaturstürze sind in der Nähe der Alpen nichts besonderes, führten bei mir allerdings dazu, dass sich bis spät in den Abend kein weiterer Biss einstellen wollte.
Der perfekte Urlaubstag
Der zweite Angeltag begann, wie der erste aufgehört hatte: Regen und Kälte.
Aufgrund dieser schlechten äußeren Umstände entschied ich mich nicht an den Altarm, sondern an einen der Flüsse zu gehen. Ich packte meine Spinnrute, die alte 1.75lb Rute und meinen Kescher, sowie einen kleinen Rucksack mit den notwendigsten Dingen. Dort angekommen, war ich von der Schönheit dieses Flusses wie verzaubert. Malerisch schlängelt er sich mit etwa 40m Breite durch die Landschaft, verändert sein
Gesicht in langsam, dann wieder schnell fließende Bereiche und teilt sich schließlich vor einem kleinen Wasserwerk in einen kanalartigen und einen wildwasserartigen Teil. Das Ufer wechselt von Bewaldung zu Wiesen, schroffe Abschnitte mit Todholz werden von unterspültem Ufer und Schilfgürteln abgelöst.
Ich wanderte also das Ufer entlang, schlug mich durch dichtes Buschwerk und fand einen kleinen netter Platz in einer Ansammlung von Buchen. Es war inzwischen 12 Uhr und hatte aufgehört zu regnen. Schnell war die Rute mit einem Madenbündel bestückt und in der Mitte des Flusses versenkt. Oberhalb fütterte ich einen Mix aus Groundbait und gecrushten Boilies. Meine Spinnrute war jetzt völlig überflüssig, denn die gute Frau an der Kartenausgabestelle sprach von schönen Barben und ich wollte jetzt unbedingt eine dieser starken Kämpferinnen haken!
Gegen 14 Uhr hatte ich immer noch keinen Biss, aber bereits einen Großteil der
Bodenstruktur an meinem Platz abgefischt. Dabei fiel mir immer wieder auf, dass das Flussbett mit starken Pflanzenteppichen durchsetzt war, die an Steinen wachsend, den Köder offensichtlich verbergen. Die Wahl fiel deshalb auf ein simples Helikopter-Rig aus monofiler Schnur, mit ein wenig Kork am Karpfenhaken, die Maden direkt und ausreichend auf dem Haken selbst. Um 15 Uhr riss die Wolkendecke auf und die Sonne
verwandelte diesen Tag genauso schnell ins Positive, wie ich einen Tag zuvor den Wechsel ins Negative erlebt hatte.
In diesem Moment stellte ich fest, dass ich leider meine Polbrille im Auto vergessen hatte. Nichts desto trotz schnappte ich mir meine Spinnrute um weitere Abschnitte des Flusses zu erkunden. Wenn die Fische nicht zu mir kommen, dann muss ich zu den Fischen! Etwa 300m weiter endete der Wald und eine Wiese mit steilem Hang reichte hinunter bis ins Wasser. Der Landwirt hatte den Zaun in den Fluss hinein gebaut, damit seine Viecher hier trinken
können. Und hier waren sie: Einige Fische zwischen großen Steinen, Pflanzenfeldern und freien Kiesflächen. Es waren Barben, einige mit einer Länge von mehr als 60cm, sowie größere und kleinere Schatten, die ich aber mangels meiner Polbrille nicht wirklich identifizieren konnte. Aber: Hier war Fisch, also move! 20 Minuten später saß ich auf einer Baumwurzel hinter dem Weidezaun zwischen kleinen einzelnen Bäumen, die Rute auf den Zaun und die
Reste eines
abgebrochenen Stammes gelegt. Ich duckte mich und ein wenig Gestrüpp am Ufer bot mir Deckung. Die gesamte Szene erinnerte mich an die unzähligen englischen Videos, in denen zwei Bekloppte in Tarnzeug an einem kleinen Fluss Deckung suchen. Jetzt war ich in derselben Situation: Glasklares Wasser und vielleicht 12 m zum Fisch. Ich musste mich verstecken!
Inzwischen war es fast 17 Uhr und gegen 18 Uhr würde ich Einpacken müssen – familiäre Verpflichtungen. Als der Biss endlich kam bog sich die Rute einfach ein wenig durch, der Freilauf begann zu arbeiten und der Fisch nahm ruhig und ohne Hektik Schnur. Ich schlug sofort an und in diesem Moment war klar, dass, obwohl es ein Fluss ist, dies kein kleiner Fisch sein konnte.
In der ersten Flucht flogen 60m Schnur von der Rolle und die 1.75lb Rute konnte ihre hervorragende Aktion unter Beweis stellen. Ich drillte den Fisch nun bis auf 10m heran, aber ich war machtlos: die Strömung spielte für den Fisch. Ein zweites und auch ein drittes Mal zog er mit der Strömung davon, und suchte dabei immer wieder die Nähe einzelnen Todholzes am Ufer. Ich kletterte schnell über den Zaun und konnte den Winkel zum Fisch so verbessern, dass er wieder hinaus in die Flussmitte schwamm. Es waren nun gut 15 Minuten vergangen und dieser Fisch zeigte bislang noch keine
Ermüdungserscheinungen. Ganz im Gegenteil: Wieder auf Augenhöhe drehte er erneut in die Strömung und zog auf mehr als 50m davon. Dieser Drill entwickelte sich zu einem der Besten,
die ich jemals hatte. Nach knapp einer halben Stunde ließen die Kräfte merklich nach und ich sah zum ersten Mal dieser bärenstarken Kämpfer: Ein Spiegelkarpfen, sehr kurz gewachsen, aber ein breites Kreuz wie ein Bodybuilder! Es sah fast danach aus,
als hätte dieser Fisch einen Fußball
verschluckt. Und immer noch stand er dort
aufrecht im Fluss, zeigte seine Flanke nicht
und versuchte stetig in der Strömung zu
entkommen. Ein kurzes beherztes Anziehen
über den Kescher beendete schließlich den
Kampf. Ich war Sieger und konnte mir ein
kurzes aber lautes „Yes“ nicht verkneifen.
In diesem Moment musste ich mir allerdings
auch eingestehen, dass es keine gute Idee
gewesen war, meine Abhakmatte im Auto zu
lassen. Eine mit Laub bedeckte Stelle am
Ufer musste nun also den Fisch aufnehmen, was aber kein Problem darstellte. Der Haken saß perfekt im Maulwinkel und der Kork hatte seine Funktion nicht beeinträchtigt. Die Waage zeigte anschließend etwas mehr als 24 Pfund – kein Riese, aber in Anbetracht des kalten Gewässers, der kurzen Zeit und der äußeren Umstände ein optimales Ergebnis! Schnell wurde noch ein Foto gemacht und schon ging es für diesen Kugelfisch wieder zurück in sein Element. Es war definitiv die schönste Barbe, die ich jemals gefangen hatte!
Fazit
Große unbekannte Gewässer muss man sich erarbeiten. Wenn hierfür die Zeit
fehlt, sind ein Altarm und ein Fluss die richtige Wahl. In beiden Fällen muss man sich in kürzester Zeit auf ein völlig unbekanntes Gewässer einlassen. Es ist essentiell wichtig, das Gewässer zu lesen: Die Kiesbank im Altarm brachte den Erfolg. Im Fluss musste ich die Fische suchen. Es wäre Zeitverschwendung
gewesen, den ersten Spot weiter zu befischen. Man muss in einer solchen Situation moven! Die fehlende Abhakmatte war definitiv ein Fehler, mea culpa. Die spartanische Ausrüstung, und damit maximale Flexibilität, war aber letztendlich der Schlüssel zum Erfolg. In 16 Stunden konnte ich ohne Anfüttern zwei schöne Fische überlisten, wobei der zweite Angeltag für mich der perfekte Urlaubstag war.
Tight lines wünscht Euch
Olli
Team Angelsport Zimmermann Belludt GbR
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